Vor 125 Jahren: Firma Stuttgarter Straßenbahnen AG gegründet

STUTTGART, 2-9-2015 — /EuropaWire/ — 2018 wird das Jubiläum 150 Jahre Straßenbahn in Stuttgart begangen: 1868 fuhr Stuttgarts erste Pferdebahn. Doch die Gründung der SSB AG als formale Firma geschah erst Ende März 1890, nachdem sich die beiden Vorgängerfirmen vereinigt hatten. Das wieder ist jetzt 125 Jahre her.

Der Vereinigungsvertrag zwischen der Stuttgarter Pferdebahn-Gesellschaft (SPE) und der Firma Neue Stuttgarter Straßenbahn (NSS) wurde kurz vor Jahresende 1888 unterschrieben. Ihn segnete die Hauptversammlung der Pferdebahngesellschaft Anfang 1889 ab. Darin enthalten war bereits die Regelung, wie die neue Firma heißen sollte. Der formale Beschluss dazu folgte am 30. März 1890, vor 125 Jahren. Seitdem gibt es die „SSB“.

Wer waren die beiden Vorgängerfirmen? Die Aktivität von Georg Schöttle, dem Stuttgarter Bauunternehmer, zur Gründung seiner „Stuttgarter Pferdeeisenbahn“ anno 1868 ist bekannt. Der eher kostspielige Betrieb auf den fast überall wenigstens in leichter Steigung liegenden Strecken hatte sich vor allem im Gefolge der Wirtschaftskrise nach Anfang der 1870er Jahre ungünstig entwickelt. Die Wagen auf der so genannten Normalspur waren schwer, für die Steigungen braucht es zwei Pferde. Das war teuer. Das hatte 1886 den Stuttgarter Unternehmer Heinrich Mayer und den von ihm angesprochenen norddeutschen Ingenieur Ernst Lipken auf den Plan gerufen, die kurzerhand ihre Firma Neue Stuttgarter Straßenbahn gründeten. Diese NSS setzte auf die Meterspur. Die Wagen brachten fast die gleiche Menge Passagiere unter, waren aber dennoch leichter. Ein Gaul konnte sie gut ziehen. Zudem nannten Mayer und Lipken ihre Firma nicht ohne Grund „Straßenbahn“ statt Pferdebahn: Neue Antriebsformen, ob per Dampf oder Elektrizität, standen vor der Haustür. Vor allem, wenn man elektrisch fahren wollte, ging das damals zunächst nur auf der Meterspur, denn die ersten Elektromotoren besaßen höchst bescheidene Leistung.

Tatsächlich brachte die NSS mit ihren neuen Linien, die gut funktionierten, frischen Schwung ins Geschäft. Doch ein gemeinsamer Verkehr beider Firmen auf einem einheitlichen Netz war wegen der unterschiedlichen Spurweiten technisch unmöglich. „Dadurch“, so urteilte der spätere SSB-Direktor Paul Loercher, „blieb das Stuttgarter Verkehrsliniennetz in der Entwicklung stark zurück.“ Warum schon die Pferdebahn von 1868 nicht gleich die Meterspur gewählt hatte, lag auf der Hand: Der Staat Württemberg konzessionierte auch Stuttgarts Pferdebahn nach dem Eisenbahngesetz von 1843. Dort war die Normalspur vorgeschrieben. Das metrische Maßsystem wurde erst 1875 in Europa eingeführt, die ersten Bahnen mit Meterspur in Deutschland fuhren etwa ab dieser Zeit.

Die verfahrene Lage in Stuttgart lockte 1888 als Dritten den Berliner Eisenbahn- und Bauunternehmer Hermann Bachstein an. Doch der Gemeinderat „wollte nicht noch ein drittes Unternehmen in Stuttgart haben.“ Aber die finanzielle Lage der SPE wurde bedrohlicher, und diese wie die NSS schreckten vor Investitionen zurück, da keiner wusste, ob der andere sich durchsetzen würde. Stadt und Gemeinderat betrieben den Zusammenschluss der beiden Unternehmen nun immer stärker. Schließlich beschloss die SPE in Anwesenheit der Vertreter von NSS und Bachstein die Fusion, nachdem als erster Schritt auf neutralem Gelände, in Baden-Baden, im Hochsommer 1888 eine „Conferenz“ stattgefunden hatte.“ Formal übernahm die alte SPE die NSS, doch alleiniger Chef wurde Lipken, der bisherige Techniker der NSS. Die „alte“ SPE war zum Zeitpunkt der Vereinigung theoretisch 817 000 Mark wert, de facto wesentlich weniger, wegen der veralteten Gleise und Wagen. Den Kauf der NSS finanzierte die SPE durch die Ausgabe neuer Aktien um 800 000 Mark. Die bisherigen Betreiberpersonen blieben Miteigentümer und saßen im Aufsichtsrat. Neu war die Beteiligung der Darmstädter Bank, denn für die folgende Umspurung des Bestandsnetzes, die Elektrifizierung und den weiteren Ausbau brachte sie frisches Geld.

Das Ziel von Stadt und Bürgern, ein dem Bedarf entsprechendes und mitwachsendes Verkehrsnetz, schien endlich erreicht. Der Sprung der Schienen über den Neckar nach Cannstatt (damals noch kein „Bad“) über die neue König-Karls-Brücke glückte ebenso wie die erfolgreiche kaufmännische Entwicklung, nicht zuletzt durch eine beweglichere Gestaltung der Tarife und einer „reichen Serie von Abonnements“,  also modernem Kundenmarketing, so dass der Geschäftsbericht einen  „starken Verkehrsaufschwung“ festhielt. Der Plural im Firmenname – aus der vormaligen „Bahn“ wurden nun die „Bahnen“ – mochte sich auf die Herkunft der vormals zwei getrennten Firmen beziehen. In jedem Fall entsprach er einem in der wilhelminischen Zeit üblichen Bedürfnis zur Repräsentation. Viele lokale und kommunale Bahnbetriebe schmückten sich damals mit der Firmierung als Straßen- oder Kreisbahnen.

Im Aufsichtsrat der „neuen“ SPE und sodann der SSB saßen der Bankier von Pflaum, natürlich weiter der SPE-Gründer Georg Schöttle, der vormalige NSS-Finanzier Heinrich Mayer, sodann Hermann Bachstein und Bankdirektor Hedderich aus Darmstadt. Eduard Hallberger war einer der bedeutenden Verleger in der seinerzeitigen „Buchhochburg“ Stuttgart, aus seinem Unternehmen entstand die Deutsche Verlagsanstalt. Georg Doertenbach war einflussreicher Vorstand des gleichnamigen Stuttgarter, in Calw gegründeten traditionellen Bankhauses, dazu Landtagsmitglied, Mitbegründer und erster Aufsichtsratsvorsitzender der Maschinenfabrik Esslingen, wo schon die SPE ihre Wagen hatte bauen lassen. Rudolf Knosp, später geadelt, hatte eine chemische Fabrik in Stuttgart gegründet, die mit der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) fusionierte. Knosp und seine Frau begründeten das heutige Rudolf-Sophien-Stift in Stuttgart-Heslach.  „Commerzienrat“ Alexander von Pflaum war wichtiger Bankier in Stuttgart. Bei der Maschinenfabrik Esslingen wie bei der SSB war er Vorsitzender des Aufsichtsrates, ebenso groß bemaß sich sein Einfluss bei der Filderbahn. Hermann Bachstein schließlich war Erbauer und Betreiber von rund sechzig Bahnstrecken und –betrieben in Deutschland und dem Ausland. Er finanzierte sich über die Darmstädter Bank. Vor allem mit dem Bau wurde Geld verdient, durch die Darlehenszinsen sowie durch die Gewinne der Baufirmen, an denen wieder die Banken Anteile hielten, ein auch heute aktueller Tatbestand.

Das grundsätzliche Ziel einer dynamischen und fortschrittlichen Anpassung des Verkehrsnetzes in Stuttgart war mit der Fusion der beiden Pferdebahnen und der Gründung der SSB erreicht worden. „Die jetzige Gesellschaft [SSB] hat den Betrieb erst lebensfähig gestaltet“, befand der spätere SSB-Chef und Chronist Paul Loercher. Stadt, Gemeinderat und Bürger hatten sich durchgesetzt, die Entwicklung gab ihnen recht. Der Erfolg war in erster Linie nicht unternehmerischer Vernunft zu verdanken, vielmehr bürgerschaftlich-gemeinwohlorientiertem Denken. Allerdings geriet die Verwaltungsseite letztlich vom Regen in die Traufe: Auch die neue Straßenbahngesellschaft war – jetzt erst recht – ein Privatunternehmen, das sich vor allem nach der Rendite und weniger nach der Stadtplanung ausrichtete. Doch die Kommunen besaßen weder genügend Geld noch technische und betriebswirtschaftliche Erfahrung, um selbst in das Geschäft mit der Grundversorgung einzusteigen. Insofern unterscheidet sich die damalige Entwicklung nicht so sehr von manchen heutigen Abläufen, wie man an den aktuellen Beispielen in Sachen Strom-, Energie- und Wasserversorgung beobachten kann. Der neue oder ab 1890 erst recht beginnende Kampf der Stadt Stuttgart um mehr Einfluss auf die Gestaltung der Straßenbahn jedenfalls sollte länger dauern wie jemals zuvor, bis 1918. Da ergab sich durch eine eigenartige, einmalige Konstellation, bedingt durch das Kriegsende, endlich die Gelegenheit zur ‚Kommunalisierung‘ der SSB. Seitdem – seit fast 100 Jahren – ist die SSB ein Unternehmen der Landeshauptstadt.

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